Maiengericht

Zu Goldbach „auf dem Stein bei den Schächern“ tagte bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit 1802/03 das Überlinger „Maiengericht“. Es war die letzte Sitzung des Überlinger Unterstadtgerichts vor der alljährlichen Neuwahl der Überlinger Stadtregierung und fand traditionell im Mai unter freiem Himmel in aller Öffentlichkeit statt.
Die Gerichtstätte lag dicht an der Grenze zwischen Hegau und Linzgau, direkt an der Goldbacher Gasse. Der tief aus dem Fels herausgearbeitete Weg war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Teil der bedeutenden Verkehrsverbindung Überlingen-Stockach. Heute weist nur noch die in den Felsen gehauene Bank mit der halbrunden Aussparung für den vorsitzenden Richter auf die historische Gerichtsstätte hin.

Das Gericht bestand aus dem Überlinger Stadtammann, dem obersten Richter der Reichsstadt als Vorsitzendem, sowie acht Richtern – sieben Vertreter der Zünfte und ein Patrizier – aus dem Überlinger Rat. Verhandelt wurden nur leichte Kriminalfälle und Weidestreitigkeiten. Das Gericht endete traditionell mit einer „Mittagssuppe“, zu der eine Buttermilch samt einem halben Ballen Maienbutter gereicht wurde. Das Gastmahl fand im Goldbacher Amtshaus des Heilig-Geist-Spitals Konstanz statt, das in Goldbach und Hödingen über großen Grundbesitz verfügte.
    pinMaiengericht
    88662 Überlingen
    Christoph Lienhardt: Sitzung des Überlinger „Maiengerichts“ in Goldbach. Aquarell auf Papier, 1681. Überlingen, Städtisches Museum

    Schächerkapelle

    Direkt gegenüber dem Gericht steht seit Anfang des 17. Jahrhunderts die Schächerkapelle mit der Kreuzigungsgruppe – Jesus gerahmt von den beiden Schächern. Die Figuren in der offenen Kapelle stammen augenscheinlich aus der Werkstatt von Jörg Zürn, dem Meister des Überlinger Hochaltars. Sie weisen Ähnlichkeiten mit den Hirten des Altars auf. Bemerkenswert ist die damals zeitgemäße Landsknechtshose des bösen Räubers. Die Originale befinden sich mittlerweile im Überlinger Stadtmuseum. 

    Die Kapelle wurde mehrfach unter Verwendung traditioneller Materialien und Handwerkskunst – oft mit ehrenamtlichem Engagement – renoviert und samt Umfeld gepflegt.