1250 Jahre Überlingen

1250 Jahre Überlingen

Interview mit Stadtarchivar Walter Liehner

Der Arbeitsplatz von Walter Liehner, Überlingens Stadtarchivar, befindet sich in einem ehrwürdigen Gebäude von 1600. Die alte Stadtkanzlei auf dem Münsterplatz zählt zu den schönsten Renaissancegebäuden im Bodenseeraum.

Herr Liehner, in diesem Jahr feiert Überlingen seine 1250-Jahrfeier. Für einen Stadtarchivar sicher ein Grund zur Freude, aber bestimmt auch mit viel Arbeit verbunden.

So ist es. In diesem Jahr wird es neben einer Vielzahl von Veranstaltungen allein 30 Vorträge zur Stadtgeschichte geben. Ursprünglich waren viel weniger geplant. Aber durch meine Tätigkeit hatte ich das Glück, dass ich mit namhaften Referenten über Jahre persönlichen Kontakt gepflegt habe, insofern sind es doch mehr geworden. Die Vortragsreihe wird mit der Vorstellung  unserer Ersterwähnungsurkunde eröffnet. Im Frühjahr und Herbst findet dann fast immer donnerstags um 19:00 Uhr ein Vortrag statt. Der Rathaussaal wird die Kulisse der ersten Monate sein und ab April ist der Festsaal des Museums der Veranstaltungsort. Und auch die alte Stadtkanzlei, in der sich unser Stadtarchiv befindet, wird seine Türen öffnen, wenn ich im Februar einen Vortrag mit dem Titel „Schatzkammer der Überlinger Geschichte – das Stadtarchiv in der alten Stadtkanzlei“ halte. Interessierte sollten diese Gelegenheit nutzen, denn das Stadtarchiv ist für die Öffentlichkeit nur eingeschränkt zugänglich. Etwa zwei Jahre habe ich an der Vortragsreihe gearbeitet und bin begeistert von den Referenten und den Vorträgen. Man bekommt einen
kompletten Überblick über unsere Stadtgeschichte, auch zu Spezialthemen wie die Überlinger Hexenprozesse, die Fastnacht oder den Münsterschatz.

Sie üben als Stadtarchivar einen recht seltenen Beruf aus. Wie ist es dazu gekommen?

Mich haben alte Dinge schon immer interessiert. Nachdem ich das Gymnasium in Meßkirch mit dem Abitur abgeschlossen hatte, habe ich mit den Berufen Restaurator und Bibliothekar geliebäugelt. Nach dem Abschluss des Studiums als Dipl.-Archivar (FH) hat man mich ans Generallandesarchiv in Karlsruhe berufen, das zentrale Archiv für den badischen Landesteil. Es hat mir dort sehr gut gefallen, aber ich wollte auch gerne wieder in die Region zurück. Als in Überlingen die Stelle des Stadtarchivars frei wurde, habe ich mich beworben und wurde auch gleich genommen. Seit September 1987 bin ich hier in diesen Räumlichkeiten tätig.

Was tun Sie als Archivar, wenn Sie nicht mit der Planung von so außergewöhnlichen Festivitäten beschäftigt sind?

Aufgabe des modernen Archivars ist es, die Stadtgeschichte möglichst umfassend zu dokumentieren. Das heißt, in den vielen städtischen Ämtern werden laufend Akten produziert und wenn die Aufbewahrungsfristen abgelaufen sind, müssen sie mir angeboten werden. Ich wähle aus, wovon ich denke, dass es sich lohnt für die Nachwelt aufzubewahren. Natürlich muss ich dabei auch gesetzliche Bestimmungen einhalten. Ich hole die Akten ins Haus, dann werden sie erfasst und schließlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Benutzer können Ahnenforscher sein, Bauherren, die nach Unterlagen zu ihren Häusern suchen, Heimatforscher und natürlich auch die eigene Verwaltung. Vornehmlich sind es aber Wissenschaftler. Das hängt damit zusammen, dass wir nicht nur über ein modernes Verwaltungsarchiv verfügen, es ist vielmehr Überlingens Status als ehemalige Reichsstadt. Denn als Reichsstadt unterschied sich Überlingen deutlich von anderen Städten und führte ein Eigenleben. Nur dem Kaiser und dem Reich untertan, gab sich die Stadt ihr eigenes Recht und urteilte sogar über Leben und Tod. Sie schloss Verträge, erhob Zölle und baute sich ein eigenes Territorium auf. Ein unabhängiges Gemeinwesen war das. Das macht Überlingen und seine Geschichte aus und prägt die Stadt bis heute. Aufgrund dessen sind unsere Bestände mit Urkunden, Akten und Amtsbüchern auch sehr umfangreich und reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück. Daneben unterhalten wir hier auch viele Sammlungen zur Stadtgeschichte von Grafiken über Landkarten bis hin zu Postkarten und Zeitungen.

Bestimmt Ihr Beruf auch Ihre Freizeit?

Als Stadtarchivar habe ich eine gewisse Residenzpflicht in Überlingen, insofern lebe ich auch hier. Wobei ich das sehr gerne tue, denn es ist einfach meine Stadt. Ganz wesentliche Teile meines Lebens und meiner Freizeit werden von der Stadt bestimmt. Ich bin geschichts- und detailinteressiert und die Geschichte Überlingens ist so facettenreich, dass ich bei weitem nicht alles weiß. Da man aber nicht nur hinter Büchern sitzen kann, wandere ich gerne und habe hier ein kleines Jagdrevier. Außerdem bin ich in den Überlinger Traditionsvereinen als Schwertletänzer und Hänsele aktiv.